|
Die
Darstellung des nackten menschlichen Körpers ist schon immer, seit es
Kunst als subtile Ausdrucksform menschlicher Kultur gibt, für Künstler
und Betrachter faszinierend – von der Venus von Willendorf über die
antiken Plastiken bis in unsere Tage. Auch leibfeindliche Tendenzen der
christlichen Theologie und Moral, die, gespeist aus den dualistischen
Religionen des Alten Orients, den Leib immer wieder verdächtigten,
vermochten nicht, den Urdrang der Gestaltung und die Freude daran zu
unterdrücken, sodass wir das Nackte z.B. in den Bildern der
Sixtinischen Kapelle, in den Figuren der Madonna laktans und denen von
Adam und Eva in kirchlichen Räumen finden. Hier hat das Bewusstsein und
das Erlebnis der Einheit von Leib und Seele, ihrer Schönheit und
ihres Adels gegenüber abwertenden Tendenzen immer wieder gesiegt, eben
die Welt als primärer Schauplatz unseres Daseins und der Körper als
Ereignisort des Lebens und des Geistes.
Die künstlerische Darstellung des nackten menschlichen Körpers
erfordert, denke ich, einerseits Feinfühligkeit und Sensibilität,
andererseits Verzicht auf moralische Vorurteile. Mit der Darstellung
des Nackten ist das Kapitel menschlicher Erotik aufgeschlagen. Die
erotische Darstellung hat z.B. im indisch-hinduistischen Kulturkreis
(Kamasutra), in den persischen Miniaturen des 18. Jahrhunderts und im
islamischen Nordafrika (Duftender Garten) eine kraftvollere und freiere
Gestaltung gefunden als in Europa. Hier scheint es bis zur Neuzeit eher
die Dichtung gewesen zu sein, die sich der Liebe widmete.
Die Malerei und Grafik des 19./20. Jahrhunderts und die Fotographie haben
da vielleicht einen Wandel geschaffen, wobei sich die Fotographie vor
einem Absturz in die Pornographie hüten muss, einer Gefahr, die, wie der
Kiosk an der Ecke vorführt, auf breiter Front die Kunst der Banalität
opfert. Doch wir verleugnen schnell, dass das Erotische und Sexuelle dieselbe
Nähe zu Gott, dem Schöpfer, und eine sehr intensive zum Leben hat
wie alles Menschliche und alles Sein.
|